Der Sinn des Lebens und der Dialog der Kulturen



Wie Kenneth Galbraith einmal sagte, geht es in unseren wachstumsorientierten Gesellschaften so zu, als ob Petrus an der Himmelstür den Verstorbenen, bevor sie, entweder in den Himmel oder in die Hölle geschickt werden, nur eine einzige Frage stellen würde: «Was hast du auf Erden getan, um das Bruttosozialprodukt zu steigern?» Bei unserer Wachstumsideologie geht es in der Tat um viel mehr als um eine Kultur - eher um so etwas wie eine Religion.

Wachstum im quantitativen Sinn, wie es praktisch alle internationalen Körperschaften fälschlicherweise als Maßstab für Entwicklung verwenden, bedeutet, dass immer mehr und immer schneller produziert werden soll, ganz gleich, um was es sich dabei handelt - um Nützliches oder Nutzloses, um Schädliches oder gar Tödliches (wie etwa Waffen). Wenn das Leben des einzelnen wie der Gesellschaft tatsächlich keinen anderen Zweck hat als dieses quantitativ verstandene Wachstum, dann fehlt ihm der Sinn. Das geistige Nebenprodukt dieses Wachstumsverständnisses ist dann notwendigerweise eine Kultur der Verzweiflung. Es ist bezeichnend, dass sich die höchste Selbstmordrate unter Jugendlichen nicht in den ärmsten, sondern in den reichsten, den angeblich am höchsten entwickelten Ländern findet, etwa in den Vereinigten Staaten oder in Schweden.

In der Dritten Welt sterben die Menschen aus Mangel an Mitteln, in den westlichen Ländern aus Mangel an Zielen. Was ist der tiefere Grund für diesen geistigen bankrott des Westens? Fünf Jahrhunderte nach Beginn der sogenannten «Renaissance» - das heißt der gleichzeitigen Entstehung des Kapitalismus und des Kolonialismus im Europa des 16. Jahrhunderts - sind wir soweit, dass wir den letzten Glauben an absolute Werte aufzugeben beginnen.

In der Wissenschaft zeigt sich dies im Positivismus, im sozialen Leben kommt der Werteverlust im Individualismus zum Ausdruck. Der Positivismus ist die völlige Verneinung von Transzendenz absoluten Werten. Er reduziert die Rolle der «Vernunft» auf die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen einzelnen Phänomenen in Form von Fakten und von Kausalgesetzen. Der Individualismus beruht auf der gleichen Negation, dem gleichen Reduktionismus und den gleichen Ansprüchen. Er besteht in der Illusion, der Einzelne sei Mitte und Maß für alles, was ist.

Solange wir innerhalb dieses Denkens verharren, befinden wir uns in einem Dschungel, in dem sich der Wille zur Macht, der Wille zum Genießen und der Wille der einzelnen, Gruppen oder Völker zu immer mehr Wachstum mit immer mächtigeren technischen und wissenschaftlichen Mitteln bekämpfen. Schließlich kulminiert diese Entwicklung dann, wie Marx einmal sagte, in «etwas, was keiner wollte»: in einer Krise, in einem Krieg, und führt zu einem Europa, das nicht weiß, was es mit seinem Fleisch und mit seinen Butterbergen in seinen Riesenkühlhäusern anfangen soll, und zu einer Dritten Welt, in der Millionen von Menschen verhungern.

Ihrem Wesen nach hätte die Vernunft die Aufgabe, Fragen zu stellen und Probleme so zu lösen, dass die Menschheit einer Zukunft mit menschlichem Gesicht entgegengehen kann.

Heute spielt sie jedoch nicht diese Rolle. Warum?

Weil das, was wir inzwischen gewohnt sind, «Vernunft» zu nennen, nur eine «positivistische», verkrüppelte Vernunft ist, die ihre essentielle Dimension verloren hat und nicht mehr nach Zielen, sondern nur mehr nach beliebig einsetzbaren Mitteln fragt.

Es kann durchaus sein, dass das gewaltige Epos der menschlichen Geschichte nach Millionen von Jahren in unseren Tagen zu Ende geht. Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist es dem Menschen heute möglich, alles Leben auf der Erde zu zerstören -- wenn die menschliche Vernunft nicht wieder zu ihrer wahren Aufgabe zurückfindet und den heute verfügbaren technischen Mitteln einen anderen Sinn gibt.

Auf dem Weg zu dieser Situation ist die Wissenschaft zum Szientismus, die Technik zur Technokratie und die Politik zum Machiavellismus entartet. Der Szientismus, das heißt die Wissenschaftsgläubigkeit, ist ein Aberglaube oder noch besser ein totalitärer Fundamentalismus, der von dem Anspruch ausgeht, «die Wissenschaft» könne alle Probleme lösen. Was nicht «wissenschaftlich» gemessen, erforscht oder vorausgesagt werden kann, gilt als nicht wirklich. Liebe, schöpferischer Geist, wie er sich etwa in der Kunst zeigt. Glaube oder Religion - all diese tieferen

Die heutige Technokratie treibt Technik um der Technik willen i verhält sich wie ein Schlafwandler, der weder weiß noch fragt wohin er läuft. Sie geht von der Annahme aus, dass alles, was technisch möglich. ist, auch gut und notwendig sei. Diese Art von «Vernunft» und Rationalität führt zur schlimmsten Unvernunft wie etwa zu Atomwaffen oder zum «Krieg der Sterne». Die Herrschaft der Technik ist eine Religion, die alles und jedes verfügbar machen will und nur nach den Mitteln fragt.

Und eine Politik, die nur danach fragt, wie man die Macht erringen und behalten kann, statt die Frage nach Sinn und Ziel des menschlichen Zusammenlebens zu stellen und von da her zu bestimmen, welche Mittel sie dafür einsetzen will, zeigt sich auf der Ebene des Daseinskampfs als Machiavellismus. Die wichtigste Frage heute ist, worauf es eigentlich ankommt, welche Ziele und Werte wir haben, worin der Sinn unseres Lebens besteht. Wir dürfen nicht nur darüber nachdenken, was wissenschaftlich und technisch machbar ist und wie man es bewerkstelligt, sondern müssen uns vor allem fragen, was wir eigentlich wollen. Welche Forschungsziele muss sich die Wissenschaft setzen, wenn sie der Erfüllung und nicht der Zerstörung des menschlichen Lebens dienen soll?

Die jetzige Wissenschaftskritik wird daher ihrem wahren Sinn erst dann entsprechen, wenn sie nicht nur versucht, die Wissenschaft wieder an die Weisheit zu binden, sondern wenn sie zugleich die Weisheit an den Glauben bindet, denn weder die Wissenschaft bei ihrer Erforschung der Ursachen noch die Weisheit bei ihrer Suche nach den rechten Ziele können bis zum Ursprung aller Dinge bzw. bis zum letzten Sinn und Ziel gelangen. Der Glaube beginnt allerdings erst dort, wo die Vernunft endet, nicht etwa schon vorher, erst, wenn die Vernunft ^im wahren Sinne dieses Wortes bei ihrer gleichzeitigen Suche nach den Ursachen und nach den Zielen alle ihre Kräfte eingesetzt hat.

In voller Freiheit kann dann die Vernunft erkennen, wo ihre Grenzen liegen und von welchen Annahmen und Voraussetzungen sie ausgegangen ist. So gesehen ist Glaube dann nicht mehr etwas, was der widerspricht oder diese einschränkt, sondern vielmehr umgekehrt das, was die Vernunft daran hindert, sich in falscher Selbstgenügsamkeit einzuigeln und zu ignorieren, was ihre Grenzen überschreitet.

Wenn die Menschheit sowohl aus dem Dschungel des Kampfes aller gegen alle wie aus dem sogenannten Gleichgewischt des Schreckens herauskommen will, liegt ihre einzige Rettung darin, dass sie – gegen den herrschenden Positivismus und Individualismus-sowohl den Glauben an die Transzendenz (im Gegensatz zur positivistischen Selbstgenügsamkeit) als auch den Glauben an die Gemeinschaft (im Gegensatz zum Individualismus) wiedergewinnt.

A. Die Transzendenz, das Jenseitige bejahen heißt erstens, gewiss zu sein, dass es nur einen Gott gibt: «Gäbe es noch andere Götter neben Gott», sagt der Koran, «so wäre dies ein Chaos» (21:22). Und Gott hat kein gemeinsames Maß mit irgendeiner menschlichen Wirklichkeit; zweitens, sich von diesem einen Gott abhängig zu fühlen und sich ihm und seinen Gesetzen zu «unterwerfen», sich ihm zu «ergeben». Mit diesem Gehorsam gegenüber Gott allein werden auch alle anderen Mächte relativiert, denen man unterstehen und von denen man wissen mag; drittens, an absolute Werte zu glauben, die unsere moralischen Grundsätze und unsere Logik transzendieren, die über sie hinausgehen. In höchstem Maße hat Abraham diesen Glauben vorgelebt.

Nur so können die Polytheismen der heutigen Welt überwunden werden. Denn unsere Welt ist zwar nicht in ihren öffentlichen Glaubensbekenntnissen, aber in ihrem praktischen Verhalten zum größten Teil polytheistisch: Ihre absoluten Werte sind Geld, Nation, Macht, Wissenschaft, Sex. Die Hauptaufgabe ist daher der Kampf gegen diese Götzen, die sich heimlich in die Dunkelheit unserer Seelen eingeschlichen haben.

B. Der Glaube an die Gemeinschaft ist das Gegenteil des Individualismus. in einer Gemeinschaft weiß jeder, dass er persönlich für die anderen verantwortlich ist. Die Menschheit ist eins, weil Gott, ihr Schöpfer, Eins ist. Alle Menschen haben den gleichen Ursprung und sind für das gleiche Ziel geschaffen.

Die Anerkennung dessen, was unser Begriffsvermögen überschreitet (Transzendenz) sowie die Anerkennung der Gemeinschaft durch die Ergebung in den Willen Gottes ist der gemeinsame 'Nenner aller Religionen. Bei allen besteht die erste Glaubensgewissheit darin, dass Gott im Menschen gegenwärtig ist: Mein eigenes Zentrum, meine Mitte liegt nicht in mir, sondern im anderen und in Gott.

„Tat twam asi“ „Du selbst bist Jenes“, das heißt das Jenseitige, heißt es in den indischen Veden, deren heilige Bücher das menschliche „Ich“ lehren, sein Einssein mit dem Herzen der Welt zu erkennen. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“ heißt es in der jüdischen Thora.

«Das Reich Gottes ist in euch selbst», verkündet das Evangelium.

«Ich habe dem Menschen meinen Geist eingehaucht», sagt Gott im Koran.

Ohne diese Gewissheit der göttlichen Gegenwart im Menschen, ohne diese transzendente Dimension des Menschen ist jede Gemeinschaft zur Auflösung und zum Untergang verurteilt.

Umgekehrt wird jede echte Gemeinschaft und jede echte Menschlichkeit erst durch diesen Glaubensakt hervorgebracht.

Wenn Gott in mir wohnt, wer kann, wer darf mir Ketten anlegen? Wenn Gott in dir wohnt, kann ich dich lieben, da ich in dir seine Gegenwart erkenne. Wenn Gott in jedem Menschen wohnt, wie kann, wie darf ich die Schändlichkeiten und Ungerechtigkeiten der Welt hinnehmen?

Wie kann, wie darf ich übersehen, dass jedes Werk im Dienst aller ein Gottesdienst ist und daß nur der ein wahrhaft Gläubiger ist, der allen Wesen dient? Wenn eine Gesellschaft einmal diese transzendente Dimension des Menschen verloren hat, ist sie zum Untergang verurteilt, gleichgültig, ob sie kapitalistisch oder sozialistisch ist.

Was wir dann Frieden nennen, ist nur mehr ein «Gleichgewicht des Schreckens», obwohl Gewaltlosigkeit oder Frieden in Wahrheit keineswegs durch das Fehlen von Krieg definiert ist. Friede ist vor allem Gerechtigkeit, das heißt Sozialforschung, die für jedes Kind, jede Frau und jeden Mann die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Voraussetzungen schafft, dass sie den Reichtum an Menschlichkeit, den sie in sich tragen, voll entfalten können.

Dies also ist das Ziel.

Wie können wir es erreichen?

Denen, die das alles für eine Utopie halten, können wir ungerührt entgegenhalten, dass die schlimmste Utopie heute der Status quo ist. Denn wir haben gar keine Wahl. Entweder machen wir mehr oder weniger so weiter bis bisher-und dann gehen wir geradewegs auf einen planetarischen Selbstmord zu-, oder wir halten uns wieder an die Transzendenz und die Gemeinschaft und öffnen durch diesen Bruch mit der Vergangenheit einen Weg in die Zukunft.

Bei den großen geschichtlichen Unruhen dieses Jahrhunderts wie etwa der chinesischen oder der iranischen Kulturrevolution ging es stets darum, ein neues Verhältnis zur westlichen Kultur mit ihrem Positivismus und ihrem Individualismus zu gewinnen.

Es ist bezeichnend, dass alle diese Erweckungsbewegungen aus der nichtwestlichen Welt, aus Asien, Afrika oder Lateinamerika kamen. Typisch für diese großen Erweckungsbewegungen in der Dritten Welt ist. dass sie den kulturellen Ethnozentrismus des Westens sowie die Gestalt ablehnen, die dieser kulturelle Ethnozentrismus dem christlichen Glauben aufgezwungen hat.

So sprach zum Beispiel Pater Ebussi Bulega auf der schwarzafrikanischen Konferenz christlicher Theologen, die 1977 unter dem Vorsitz von Erzbischof Yago von Abidjan stattfand, von einer «kopernikanischen Wende» der afrikanischen Theologie. «Afrika», so erklärte er, «ist auf den neuartigen Gedanken gekommen, nicht mehr Europa, sondern sich selber für seinen Mittelpunkt zu halten und um seiner selbst willen da zu sein.»

Pater Jean Marc Ela wies darauf hin, dass man nicht mehr erkennen könne, wie universal das Christliche sei, da die jüdisch-mittelmeerische Kultur, in deren Rahmen die christliche Botschaft bisher verkündet wurde, inzwischen nicht mehr als universale Kultur, sondern nur als eine Kultur unter anderen erscheine, so dass «katholisch» - das griechische Wort für «allgemein» - nicht mehr mit «römisch», also einer bestimmten Kultur, zusammenfalle.

Dieser Wille zur Entkolonialisierung des Glaubens und zur Relativierung der westlichen Kultur, der die universale Bedeutung des Christlichen zu retten versucht, kommt sehr deutlich und heftig in dem Buch eines Jesuiten aus Kamerun, Pater Hegba, zum Ausdruck, das den Titel Emancipation d'eglises sous tutelle («Die Emanzipation bevormundeter Kirchen») trägt.

«Das Christentum», so heißt es dort, «ist keine westliche, sondern lediglich eine vom Westen monopolisierte orientalische Religion, der der Westen der Prägestempel seiner Philosophie, seines juristischen Denkens und seiner Kultur aufgezwungen hat, um sie dann in dieser Form den anderen Völkern der Welt darzubieten. Jetzt ist es umgekehrt an uns», fährt Pater Hegba fort, «dieser selben Religion unseren eigenen Stempel aufzudrücken, ohne wie bisher die aristotelisch-thomistische Philosophie, den germanisch- bzw. angelsächsisch-protestantischen Geist oder die von Europa <christianisierten> wenn nicht sakralisierten gallischen, griechisch-römischen, lusitanischen, spanischen oder deutschen Sitten und Gebräuche in den Rang einer göttlichen Offenbarung zu erheben.«

Aus der Erklärung des Bischofs von Jaunde, Reverend Zoa, zog ein anderer Konferenzteilnehmer, Pater Ossana, sogar den-Schluss: Wir sind die legitimen Erben der traditionellen afrikanischen Religion. Diese althergebrachte afrikanische Religion, die genau wie jede andere Religion den afrikanischen Menschen auf das Kommen Jesu Christi vorbereitet hat, lässt sich durchaus mit dem Alten Testament der jüdischen Tradition vergleichen.»

Entsprechend dieser Perspektive entdecken heute die Theologien der Hoffnung und die Befreiungstheologien dank der Relativierung des Rationalismus griechisch-römischer Prägung - der von der Renaissance bis hin zum Positivismus ständig ärmer und leerer geworden ist (obwohl er sich zugleich als die einzig zulässige Denkmöglichkeit ausgab) - von neuem die immer gegenwärtige Botschaft eines Joachim von Fiore oder eines Thomas Müntzer und machen damit sogar eine Neubesinnung des Marxismus möglich.

Nichts ist zum Beispiel absurder, als den Marxismus für einen wirtschaftlichen oder historischen Determinismus zu halten. Angesichts solcher Interpretationen pflegte Marx selber zu sagen: «Wenn dies Marxismus ist. dann bin ich, Marx, kein Marxist.»

Wenn wirklich der kausale Determinismus die letzte Wahrheit sein sollte, wenn wir also nur «Marionetten» sind, deren Fäden von (wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen) «Strukturen» beweg werden, was hätte es dann für einen Sinn, die Revolution zu predigen? Revolution ist doch gerade nur insoweit möglich, als der Mensch imstande ist, aus seinen Determinismen auszubrechen.

Die Voraussetzung, von der jedes revolutionäre Denken ausgehen muss, ist gerade nicht der Determinismus, sondern die Transzendenz, das Überschreiten der durch die natürliche Kausalität gesetzten Grenzen. In Lateinamerika und in Afrika begann jene Erweckungsbewegung 1968 nach Medellin in eruptiver Weise mit dem Aufkommen der sogenannten Basisgemeinschaften, wie man sie Dom Fragosos Buch Evangelium und soziale Revolution oder in der Befreiungstheologie von Pater Guttierez finden kann, das heißt in Werken, die 1971 aus dem „menschlichen Humus“ dieser Gemeinschaften entstanden sind, ebenso wie Pater Boffs Jesus Christus, der Befreier von 1972 und Dom Helder Camaras Die Spirale der Gewalt von 1970.

Diese Bewegung der Basisgemeinschaften und der Befreiungstheologie ist beispielhaft, sowohl durch ihre methodisches Vorgehen wie durch ihre Kritik und durch die Aussichten und Perspektiven, die sie für politische und soziale Neuerungen, für den Glauben oder für eine militante Theologie eröffnet.

Was die Methode betrifft, ist diese Bewegung ein Exempel für eine ungeheure, zugleich aber auch notwendige Umkehrung des theologischen Denkens. Hier wird nicht mehr wie bisher der Anspruch erhoben, aus den Texten des Evangeliums - oder des Korans - eine «Politik» oder «Soziallehre» zu deduzieren, die sich auf die Bibel beruft, wie dies zum Beispiel der französische Kanzelredner Bossuet im 17. Jahrhundert getan hat. sondern hier wird induktiv vorgegangen, beim Versuch, den Sinn jenes Lichts zu verstehen, das aus dem Willen Gottes kommt. Diese induktive Methode geht nicht von Texten, sondern von der realen historischen Situation all jener Menschen aus, deren Armut sie daran hindert, Menschen zu sein. «Die Verdammten dieser Erde zwingen uns zu einer anderen Lesart des Evangeliums», wie Pater Jean Marc Ela aus Kamerun einmal gesagt hat - und entsprechend natürlich auch des Korans. Diese Bibellektüre «von unten» macht die göttliche Botschaft ursprünglicher und befreiender, indem sie hinter die herkömmlichen Lesarten «von oben» zurück- und über sie hinausgeht. Mit «Lesarten von oben» meine ich das Bibelverständnis der Mächtigen und all die Traditionen, die es den Mächtigen so leichtmachen, indem sie die Bindung an eine Überlieferung fordern, die eher erhalten und bewahrt als neugewonnen und neugestaltet werden soll.

Dieses Vorgehen hat eine neue, kritische Betrachtungsweise des Weltgeschehens ermöglicht. So zum Beispiel Dom Helder Camaras Kritik jenes scheinheiligen Verhaltens, das jede revolutionäre Gewalt als gewalttätig anprangert, aber vorgibt, weder die strukturelle Gewalt all der Ungerechtigkeiten zu sehen, durch die die revolutionäre Gewalttätigkeit erst hervorgerufen wird, noch die repressive Gewalt, mit welcher die Auflehnung gegen die ursprüngliche strukturelle Gewalt erstickt werden soll. .Bei „Befreiungstheologie“ denkt Pater Guttierez sozusagen an drei verschiedene, aber voneinander untrennbare Ebenen der Befreiung: 1. an die politische Befreiung, 2. an die Verwirklichung der Freiheit des Menschen im Laufe der Weltgeschichte und 3. an die Befreiung von der Sünde. In seinem Buch Evangelium und soziale Revolution fasst Dom Fragoso den Gedanken der Freiheit zusammen, indem er sagt: „Der Kampf um Gerechtigkeit ist zugleich der Kampf um das Reich Gottes“.

Dass die Befreiung des Menschen von allen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung untrennbar mit dem befreienden Ruf des Reiches Gottes verknüpft wird, ist heute nicht mehr einfach in unser Belieben gestellt, sondern inzwischen eine Frage auf Leben und Tod geworden.

So seltsam es unseren sogenannten Realisten in ihrer Blindheit und Taubheit für die Wirklichkeit erscheinen mag: Der künftige Kampf wird in den Köpfen und Herzen der Menschen entschieden werden.

Wenn jeder einzelne Mensch neu geboren werden soll - und dies wäre die wahre Renaissance, die wahre Wiedergeburt unseres Zeitalters -, dann kann dies nur durch eine solche Hinwendung zum schöpferisch-gestaltenden Leben geschehen, durch den «Aufstand» einer Generation von Menschen, die entschlossen sind, aus dem dunklen Verlies der sogenannten «Fakten» herauszuklettern, die die sogenannten vernünftigen und rationalen Leute ständig hervorzaubern, durch den Aufstand einer Generation von Menschen, die nicht mehr glauben wollen, dass sich die Wirklichkeit auf die «Fakten und Gegebenheiten» der Sinneswahrnehmung oder auf eine unerbittliche technokratische Ratio reduzieren lässt, durch Menschen, die entschlossen sind, «poetisch zu leben» und in schöpferischer Phantasie zusammenzuwirken. Und dies gilt für unser Handeln in allen Bereichen, von der Kultur bis zur Politik, von der Wirtschaft bis zum Glauben.

Das ist jedoch nichts Geringeres als eine Kriegserklärung an den Computermenschen oder Computeranthropoiden. Eine Kriegserklärung an alle, die meinen, das Denken sei eine Funktion des Gehirns, und die dann das menschliche Gehirn mit einem Computer gleichsetzen und völlig vergessen, dass es zum Wesen des Menschen gehört, die letzten Fragen zu stellen, vor allem die Fragen nach dem «Warum» und nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens.

Jene späten Erben des szientistischen Klerikalismus des 19. Jahrhunderts haben lediglich das mechanistische Denken von Laplace durch die Kybernetik ersetzt. Der technokratische Computermensch, der nie nach dem letzten Sinn und Zweck fragt, stellt die - aus dem Atom oder der Genmanipulation gewonnenen - Kräfte eines Riesen in den Dienst der Triebe eines Tieres mit pervertierten Instinkten. Der Computermensch ist nie so gefährlich, wie wenn er von der Zukunft redet und versucht, durch erzieherische Beeinflussung der Menschen und mit Hilfe der Medien an dieser Zukunft herumzubasteln.

Wenn das 20. Jahrhundert nicht in einer Apokalypse enden soll, muss daher dieser Computermensch bekämpft werden.

Die Zukunft zu erforschen heißt nicht etwa eine schon feststehende Zukunft «vorauszusagen», so wie etwa Columbus die Entdeckung eines amerikanischen Kontinents voraussagte, dessen Existenz und Gestalt auch schon vor seiner Entdeckung durch Columbus feststanden. Die menschliche Zukunft wird nicht entdeckt, sondern erfunden. Der Gegenstand der Zukunftsforschung kann daher nicht darin bestehen, ohne Rücksicht auf die schöpferischen Initiativen des Menschen und auf die Unbestimmtheiten, die sich daraus ergeben, durch Extrapolationen aus der Gegenwart und Vergangenheit zu berechnen, was vermeintlich mit Sicherheit geschehen wird. Die Erforschung der Zukunft hat vielmehr den Sinn, im Voraus die möglichen Folgen einzelner Entscheidungen darzustellen. In Wahrheit besteht die Aufgabe also darin, uns das gesamte Spektrum möglicher Zukunft vor Augen zu führen, die jeweils von der Art unserer Mitwirkung und Beteiligung abhängen.

Dies ist das genaue Gegenteil der positivistischen «Futurologie» nach Art der Herman Kahns, Daniel Bells oder Alvin Tofflers. Was ich hier mit positivistisch meine, ist ein Weltbild ohne Menschen, ein Weltverständnis, das sich mit weitgehend technisch bestimmten Extrapolationen aus Gegenwart und Vergangenheit zufriedengibt, ohne sich von der in dieser Gegenwart oder Vergangenheit herrschenden Ordnung zu distanzieren. Ohne dass man es ausspricht, wird dabei also die unveränderliche Fortdauer des jeweils herrschenden Systems vorausgesetzt. Abgesehen vom quantitativen Wachstum innerhalb der bestehenden Strukturen werden somit bei dieser Futurologie keinerlei wirkliche Veränderungen «vorausgesagt». Eine solche falsche, nichtmenschliche Zukunft ist daher lediglich die Verewigung der Gegenwart in sehr viel größerem Maßstab. Diese Art von positivistischer Futurologie führt faktisch zu einem Präventivkrieg gegen die Offenheit der Zukunft. Sie dient der Kolonisierung der Zukunft durch die Systeme der Gegenwart und Vergangenheit. Ziel ist die Erhaltung des gegenwärtigen Systems, dem man lediglich hilft, die allerschlimmsten Folgen seines Gigantismus zu vermeiden. Bei all dem wird keinen einzigen Augenblick daran gedacht, dass der Mensch vielleicht den radikalen Entschluss fassen könnte, sich künftig nicht mehr blindlings auf einen planetarischen Selbstmord zutreiben zu lassen. Auch öffentliche Erhebungen sind oft auf dem Boden dieses gleichen enthumanisierten Menschenbildes entstanden und stellen insofern keine Information, sondern eine Manipulation der öffentlichen Meinung dar. Von der gleichen menschenvernichtenden Denkweise geht auch eine untermenschliche „Pädagogik“ aus, die das Wissen eines Schülers oder Studenten dadurch kontrollieren will, dass dieser nach der sogenannten Multiple-Choice-Methode aus einer Anzahl von verschiedenen, aber im Vorhinein feststehenden Möglichkeiten die «richtige» Antwort' auf' eine Frage ankreuzen muss. Ein solches System schließt von vornherein aus dass zum Beispiel die Frage anders formuliert oder dass eine eigenständige, nicht schematisch vorgestanzte Antwort auf sie gegeben wird. Bei diesem System wird völlig vergessen, was am Menschen spezifisch menschlich ist: neue Fragen stellen und eigenständige Antworten geben zu können.

Wenn dann die Abstumpfung der Intelligenz zur Gewohnheit geworden ist, tritt das Fernsehen auf den Plan, das nach den gleichen Prinzipien sein eigenes Videospiel erfindet und auch noch die absurde Frage stellt, ob der Computer den Menschen ersetzen könne.

Natürlich. Jedes Mal, wenn bestimmte Fragen des Menschen beantwortet werden müssen. Aber nur der Mensch selbst kann die menschlichen Fragen nach dem «Warum», nach dem Sinn und Ziel stellen. Deswegen haben sich die sogenannten Strategen - vom Vietnamkrieg bis zur iranischen Revolution - mit ihren Computerprognosen immer wieder geirrt. Kraft und Wirkung des Glaubens lassen sich nicht in ein elektronisches Schaltsystem einspeisen.

Wenn man daher die weltverändernde Rolle des Glaubens in der Politik und bei der Gestaltung der Zukunft anerkennt, bedeutet dies keineswegs, dass damit ein Humanismus, der alle Religion ablehnt und sich selbst für atheistisch erklärt, in Bausch und Bogen abgelehnt werden soll. Wichtig ist nicht, was ein Mensch über seinen Glauben sagt, sondern was dieser Glaube aus ihm macht.

Wir können daher auf die Herausforderung unserer Zeit antworten, indem wir gemeinsam neue Modelle des Wachstums entwickeln: kein weiteres wirtschaftliches Wachstumschaos, sondern statt dessen das innere Wachstum, dass Heranreifen des Menschen und die Entfaltung des Geistes, den Gott ihm eingehaucht hat; neue kulturelle Möglichkeiten entwickeln, die die Kultur ihrer eigentlichen Aufgabe näher bringen, über Sinn und Ziel des Lebens nachzudenken und eine Zukunft mit menschlichem Gesicht zu erfinden; neue Formen der Kommunikation entwickeln, bei denen Presse, Hörfunk und Fernsehen den Vorrang nicht mehr dem Sensationellen oder Kriminellen, der Gewalt oder dem Sex geben, als ob solche Perversionen und deren Ausbeutung durch die Medien das Wesentliche am heutigen Menschen ausmachen würden. Bei solchen neuen Formen der Kommunikation würden die Medien keine zersetzende Rolle mehr spielen, sondern Lebens- und Sinnerfüllung des Menschen fördern und Informationen verbreiten, die die schöpferischen Kräfte in jedem von uns anregen - das heißt Informationen über alles, was neu hervortritt oder sich entfaltet, über alles, was nur selten in unseren Zeitungen oder auf unseren Bildschirmen erscheint, was aber dennoch in Millionen von Männern und Frauen lebendig ist, die durch ihr Opfer, ihre Liebe, ihre Phantasie, ihre Fragen und ihr Forschen sowie durch Schönheit die wahre Geschichte hervorbringen.

Auf diese Weise werden wir zu Stützen und Pfeilern bei der Errichtung einer neuen Weltordnung auf neuen Fundamenten, nicht mehr auf der Grundlage von Positivismus, Individualismus oder Verzweiflung, sondern auf der Basis von Transzendenz und menschlicher Gemeinschaft.

© 2018 Roger Garaudy (17. Juli 1913 - 13. Juni 2012)