„Das Recht auf Leben haben sie nur auf dem Papier“

Cemal Aydin: Herr Prof. Dr. Garaudy, warum sind Ihre Werke nicht mehr in den Buchhandlungen in Paris zu finden?

Roger Garaudy: Der Grund ist sehr einfach. Eine zionistische Organisation namens LICRA (Internationale Union gegen Rassismus und Antisemitismus), droht die Vitrinen von Buchhandlungen zu zerschlagen, die meine Bücher verkaufen wollen.

Cemal Aydin: Gestern habe ich in einer Buchhandlung nach Ihren Büchern gefragt. Die Besitzerin der Buchhandlung sagte mir, dass die Kunden oft danach fragen, aber dass die Bücher nicht erhältlich sind.

Roger Garaudy: Eine Person vertrieb meine Bücher in Paris und hatte einen sehr guten Absatz, aber sie griffen ihn an und brachen ihm das Stirnbein. An dem Tag, an dem mein Fall vor Gericht verhandelt wurde, wurden zwei Journalisten schwer verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert. Diese Journalisten wurden von der Beta-Gruppe, also der bewaffneten Armee der Zionisten verprügelt.

Ich erhalte ständig Morddrohungen. Ich ging zur Polizeiwache, damit sie meine Beschwerde ans Innenministerium übermitteln. In einem Brief, den mir der damalige Innenminister Pierre Chevenement geschickt hatte, stand an mich gerichtet drin: "Ich übernehme persönlich die Verantwortung für Ihre Sicherheit".

Alsdann übergab mir der Polizeichef eine Waffenlizenz! Dies war die einzige Art von Schutz, die sie mir gewährten!

Cemal Aydin: Ich habe zwar Ihre Wehrdienst-Memoarien gelesen, will aber trotzdem fragen. Können sie wenigstens gut mit einer Waffe zielen?

Roger Garaudy: Bis zu 20 Metern würde ich das Ziel nicht verfehlen.

Cemal Aydin: Die französische Bevölkerung unterstützen Sie nicht hinreichend, ist es wegen deren Schuldgefühlen gegenüber den Juden?

Roger Garaudy: Nein, ich kann nicht sagen, dass die Franzosen mich nicht unterstützen. Jedoch kann oder wird die Unterstützung nicht öffentlich ausgedrückt. Ich bekomme stapelweise Unterstützungsbriefe. Neben Mord- und Drohbriefen, erhalte ich viele Dankesbriefe und Glückwunschschreiben. Leider ist es nicht möglich, die Berichte und Artikel, die mich unterstützen, in den Zeitungen zu veröffentlichen. Zum Beispiel, Professoren von großen Universitäten wie Rom, Florenz, Turin haben öffentlich protestiert. Dies habe ich von der Zeitung „La Stampa“ erfahren. Aber in Frankreich wagte niemand so etwas. Denn in Frankreich gibt es einen sehr starken Druck seitens der LICRA. In Italien hingegen gibt es keinen solchen Druck. Mit ihrer bewaffneten Miliz, ist die LICRA, eine Regierung in der Regierung, ein Staat im Staate in Frankreich.

Cemal Aydin: Wird die Zensur, die auf Sie und Ihre Werke ausgeübt wird, immer so weitergehen?

Roger Garaudy: Hmm! Ich weiß es nicht. Das hängt von der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ab. Ich habe vor Gericht, gegen den verfälschten und verzerrten Druck meines Buches Die Gründungsmythen der israelischen Politik und die darauf basierende Verurteilung meiner Person gewehrt.

Dies ist mein Widerspruchsschreiben (Protestschrift), Sie können es in Ihrem Artikel verwenden (Er hat mir einen vierseitigen Artikel übergeben. Es trägt den Titel „Ich klage an!“ und weist nach, wie das Gericht in die Irre geführt und zum Opfer wurde. Ich [Cemal Aydin] sagte ihm, dass mich seine Protestschrift sehr interessiert und ich es bei Bedarf übersetzen und veröffentlichen werde.)

Cemal Aydin: Schreiben Sie derzeit ein neues Buch?

Roger Garaudy: Ich habe gerade ein neues Buch fertiggestellt, aber es fällt mir schwer, es zu veröffentlichen. Eigentlich ist es einfach zu drucken, jedoch der Vertrieb... Ich bin mit einer absoluten Blockade konfrontiert... Gewiss werden meine Bücher unter der Hand verkauft. Zum Beispiel wurden von meinem Buch Die Gründungsmythen der israelischen Politik 35 tausend Stück verkauft, aber heimlich. Wir müssen den Verkauf geheim halten, das ist der eigentliche Skandal![1]

Cemal Aydin: Entmutigen Sie solche Schwierigkeiten nicht und brechen sie nicht Ihren Mut?

Roger Garaudy: Ich habe bisher 55 Bücher verfasst und veröffentlicht. Mein Buch Aufruf an die Lebenden wurde 290 tausend Mal verkauft.[2] Damals war ich, mit Verlaub, ein Star.

Dann veröffentlichte ich 1982 in Le Monde eine Erklärung, in der ich Israels Krieg gegen den Libanon und die Besetzung dieses Landes und den Verlust sehr vieler Menschen kritisierte. Habe Ariel Scharon (später Israels Premierminister) massiv verbal attackiert, da sie allein in den beiden Lagern von Sabra und Shatila in Libanon 20 Tausend Palästinensern ermordeten, nur um zwei getöteten Israelis zu rächen. Auch Pastor Lelong und Pastor Mathieu hatten diesen Artikel unterschrieben. LICRA hat sofort eine Klage eingereicht. Sie haben die Fälle, in drei unterschiedlichen Rechtsurteilen, in drei Instanzen vor Gericht verloren.

Von diesem Tag an wagten sich die Buchhandlungen jedoch nicht mehr, meine Bücher zu verkaufen.

Cemal Aydin: Immerhin werden Ihre Schriften online veröffentlicht

Roger Garaudy: Haben Sie aber gesehen, was in bestimmten Internetseiten über mich veröffentlicht wird: "Garaudy, der Neo-Nazi-Schriftsteller!"

Cemal Aydin: Wie sehen Sie die nahe und ferne Zukunft muslimischer Länder?

Roger Garaudy: Dies ist eine komplizierte Angelegenheit. Die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt, wir werden die Zukunft gestalten. Die Zukunft wird sein, wie wir es gestalten. Leider gibt es "amerikanische" Führer an der Spitze der islamischen Länder. Genau wie in Frankreich ... ich sehe Chirac und Jospin als "Amerikaner". Die Führer können so "amerikanisch" sein wie sie wollen; die Öffentlichkeit entwickelt sich in genau entgegengesetzter Richtung. Zum Beispiel gab ich eine Konferenz in Kairo. Ich habe meine Meinung zu dieser Konferenz vor 5000 Leuten geäußert. Es gab sehr lebhafte Reaktionen in der Bevölkerung.

Leider haben islamische Länder von den Vereinigten Staaten abhängige Administratoren. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die dem Widerstand leisten. Die große Masse und überwältigende Mehrheit ist dagegen. Aber sie suchen ihren Weg zur Erlösung, nur in der Rückwendung in die Vergangenheit, in der sie dann stecken bleiben.

Wahrlich, in der islamischen Welt gibt es nichts außer Nachahmung: den Westen nachahmen oder die Vergangenheit nachahmen. Beides sind Sackgassen, und unglücklicherweise ist dies die Situation der islamischen Welt von heute. Was getan werden muss, ist eine Modernität zu schaffen, die ein Unikat des Islams ist.

Cemal Aydin: Da ich weiß, dass Sie die Ereignisse in Algerien sehr genau verfolgen, möchte ich fragen: Was ist dort los?

Roger Garaudy: Was in Algerien passiert, ist offenkundig. Der Krieg dort ist ein Krieg der Interessen von Generälen. In Algerien machen Generäle blutige Kabinette, um die Erdöleinkommen unter sich zu teilen. In Ländern wie Algerien ist es eben so, da dominieren die Militärs einfach alles. Und wenn sie regieren, denken sie nur an ihre eigenen Interessen, nicht an die der Menschen. Das passiert in Algerien.

Cemal Aydin: Wieso sind Länder wie Argentinien, die sich wegen kollabierender Volkswirtschaften in die Abhängigkeit von IWF-Vorschriften begeben, nicht in der Lage sich wieder zu erholen?

Roger Garaudy: Das Gleiche gilt für arabische Länder. Der IWF handelt in materiellen und politischen Interessen Amerikas. Der IWF und die Weltbank sind zwei schreckliche Kraken, die verpflichtet sind, amerikanische Interessen zu schützen, Märkte auf der ganzen Welt für große amerikanische Unternehmen zu öffnen und sie zu zwingen, zu akzeptieren, was sie für amerikanische Interessen tun müssen. Dies sind die neuen imperialistischen und kolonialen Waffen des westlichen Kolonialismus. Ländern, die sich dem vom IWF aufoktroyierten Diktat nicht beugen, werden zermürbt und dort wird das Blut des Volkes vergossen. Der IWF ist die bösartigste Organisation der Welt. In Algerien, in Caracas und anderswo ist der IWF der Grund der Volksrevolten gegen den Hunger. Der IWF sagt: "Ich gebe dir Geld und du wirst tun, was ich will." Das passiert in Ländern, die IWF-Rezepte akzeptieren. Eigentlich sind wir Kolonien im eigentlichen Sinne. Dies gilt auch für Frankreich.

Cemal Aydin: Wechseln wir das Thema: Wohin geht der Westen?

Roger Garaudy: Konkurs. Und zwar ein baldiger Konkurs. Ich kann Ihnen kein Datum nennen, aber mit den Methoden, die wir im System der Globalisierung verwenden, zerstören wir sowohl die Natur als auch die Menschen. Heute ist bekannt, dass 76 Prozent der natürlichen Ressourcen in Ländern der Dritten Welt liegen. Aber in diesen Ländern der Dritten Welt sterben jedes Jahr 30 Millionen Menschen an Hunger. Dies ist die Zahl der Vereinten Nationen. Das sind 15 Millionen Kinder. Dies ist die von UNICEF angegebene Zahl. Das bedeutet: Das westliche Entwicklungssystem, ich meine mit Westen, Europa, die USA und in gewissem Maße auch Japan - kostet jeden zweiten Tag Opfer in den Dritte-Welt-Ländern, die einmal Hiroshima entspricht.

Noch nie wurde solch eine Barbarei auf dieser Erde gesehen. Selbst wilde Bestien leisten sich weniger Opfer als das! Die Natur wird zerstört ... Die Ozonschicht durchdrungen, die Atmosphäre wird wärmer ... Die Gletscher schmelzen. Wenn sich die Gletscher in den Polen anziehen, dann werden 40 Jahre später große Hafenstädte wie London, New York, Bordeaux, Brest überflutet.

Ich bringe eine Zeitschrift namens "Contre-Nuit" heraus. Sie wird nur an Abonnenten, Mitglieder einer Organisation verteilt. Dort erklärte ich: Wenn man nur von den Amazonaswäldern ausgeht, kann der Schutz dieser Wälder genauso viel Energie erzeugen wie die Energie des Golf-Öls. Zu diesem Ergebnis sind die Forscher der Technischen Universität Rio de Janeiro erlangt, das habe ich von ihnen aus erster Hand erfahren. Aber leider zerstören große multinationale Unternehmen die Wälder im Amazonasgebiet.

Cemal Aydin: Um was zu tun?

Roger Garaudy: Um mit den Mitteln unseres Landes große Stromerzeugungsdämme zu bauen. Jedoch könnte durch Biomasse viel mehr Energie gewonnen werden und das sogar die Wälder bewahren, ohne sie zu zerstören.

Cemal Aydin: Das Golf-Öl wird nicht ewig halten?

Roger Garaudy: Die bekannten Ölressourcen werden nur noch 30 Jahre halten. Es gibt noch weitere Ölvorkommen, aber sie werden nicht bis zum Ende dieses Jahrhunderts reichen.

Sie fragen mich, wohin der Westen geht? Wenn wir diesen Weg so weitergehen, werden unsere Enkelkinder niemals unser Alter (ich bin Großvater) erreichen. Weil alle Lebens- und Energieressourcen vor dem Ende des 21. Jahrhunderts verbraucht sein werden.

Der Westen ist am Zusammenbrechen. Ich habe auch andere Beweise, die dies belegen: Beispielsweise, die Rate der Erwachsenen, die Selbstmord begehen, weil sie keinen Sinn für ihr Leben finden, ist in den USA und Europa viel höher zu beziffern als in der Dritten Welt.

Was das Thema Kriminalität angeht, können Sie das Problem nicht lösen, indem Sie die Polizei verstärken. Junge Menschen, die Verbrechen begehen, sehen, dass keine Gerechtigkeit auf der Welt herrscht. Sie sehen, dass der Starke siegt. Ihre auf Gewalt basierende Verhaltensweise zeigt, dass sie das in der Welt herrschende Prinzip aufgenommen und verinnerlicht haben. Schließlich entscheiden die Vereinigten Staaten, überall und über alles... Ich weiß nicht was durch ihre Köpfe geht, wenn junge Menschen ein Schaufenster kaputt machen, ein Auto zerstören, verbrennen oder stehlen. In einer Welt ohne Gesetze gibt es keine Zukunft für die Jugend. In solch einer Welt musst du den Eindruck vermitteln, dass du stark bist, um andere dazu zu bringen, dich zu akzeptieren.

Auch die Spiele, die den jungen Leuten angeboten werden, zeigen das Gleiche. Ich habe in meinem neuen Buch, welches bald veröffentlicht wird, das Spiel Pokémon intensiv analysiert. Eigentlich wurde dieses Spiel mit dem Ziel entwickelt, um Scharfschützen für das Amerikanische Land und dessen Seestreitkräfte aufzubauen. Ich las den Bericht eines amerikanischen Obersts, der seinen Offizieren und Soldaten Angriffsübungen befehligte. Er ist gleichzeitig Sicherheitsbeauftragter.

Nun, ein 9-jähriges Kind namens Carmil, erschießt acht seiner Klassenkameraden mit einer Pistole die mit acht Kugeln geladen ist. In der Wohnung des Kindes, finden sie eine Zeichnung in seinem Computer, auf der ist der Klassenraum abgebildet mit der Sitzordnung aller Schüler. Jedes Mal, wenn das Kind schießt, trifft er tödlich: Er schießt fünf Mal auf den Kopf und drei Mal auf die Brust. "So einen erfolgreichen Schuss zu machen fällt sogar einem professionellen schwer", sagte der Offizier. Könnt ihr euch das vorstellen? Ein 9-jähriger Junge erschießt acht Personen mit nur acht Kugeln... Nach diesem Mord sagte der kleine Carmil: „Die Armen wollen unser Geld. Sie müssen getötet werden, sonst werden sie uns töten um an unser Geld zu gelangen...“

Cemal Aydin: Das ist klassische faschistische Logik, falsch verstandenes Recht auf Selbstverteidigung!

Roger Garaudy: Eigentlich ist die Logik nachvollziehbar, denn die Amerikaner haben ihr Dasein mit einer ethnischen Säuberung begonnen, indem sie die indigenen Völker ermordeten haben. Mit einer Logik, die dieses Verhalten normal heißt, kann sich jeder ähnlich Verhalten und es als normal ansehen.

Cemal Aydin: Gibt es im Westen große Philosophen, die den Gesellschaften den Weg weisen können?

Roger Garaudy: Nein, es gibt nur eine singuläre Sichtweise, ja eigentlich sogar einen Mangel an Reflektion. Der letzte große Philosoph war Gaston Bachelard, der auch meine Doktorarbeit leitete. Heute repräsentiert Bernard-Henri Levy diese singuläre Sichtweise, die keine neue Seite hat, es ist noch nicht einmal eine Philosophie.

Cemal Aydin: Was ist mit Literatur? Wie sehen Sie die Literatur? Gibt es echte Dichter? Gibt es im Westen der Gegenwart noch Romanciers von Rang?

Roger Garaudy: Wir sind in einer Phase des absoluten Zusammenbruchs. Das ist ein Zerfall, der alle Bereiche erfasst: Philosophie, Literatur, bildende Kunst, darstellende Kunst, Fernsehen ... gerade haben wir eine TV-Serie namens Loft-Story gesehen. Diese Serie war der absolute Gefrierpunkt des geistigen Niedergangs. Die Serie wurde massiv beworben.

Es wurde gesagt, es sei eine obszöne Veröffentlichung. Im Fernsehen wurde ein Hinweis eingeblendet, dass es sich um Pornografie handelt. Als es darum ging, dieses Zeichen zu entfernen, gab es Einwände seitens der Pornofilm-Produzenten, mit dem Argument, das der Hinweis ihnen nütze und eine willkommene Werbung sei. Loft Story ist heute kein Pornofilm, es ist ein Idioten Film, das ist alles. Es dient dazu, das Volk zu verdummen, die Nation zum Narren zu halten, es ist eine weiche Form des in der Vorbereitung befindlichen Faschismus...

Cemal Aydin: Sind westliche Intellektuelle nicht in der Lage, den Menschen neue Auswege aufzuzeigen?

Roger Garaudy: Es geht nicht um die Intellektuellen. Sie haben keine politischen Konzepte. Diejenigen, die nicht gedanklich gleichgeschaltet sind, haben keine Möglichkeit, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen. Ich habe noch heute die Zeitung Le Monde gelesen, bevor Sie hierher zu mir kamen. Le Monde präsentiert in der aktuellen Ausgabe seinen Lesern einen Roman von Madame Cusset. Und dieser Roman ist durch und durch ein obszöner Roman. Es ist ein echter Porno-Roman. Und das in einer Zeitung wie Le Monde. Wenngleich Le Monde mittlerweile in den Händen von LICRA gelangt ist. Sie viel in finanzielle Schwierigkeiten und löste das Problem auf diese Weise. Während der Befreiung Frankreichs, in der Zeit von Hubert Beuve-Mery (dem Gründer von Le Monde) war Le Monde eine sehr wichtige Zeitung gewesen. Ich denke, es gibt zurzeit nur eine Zeitung, die die Ehre der französischen Presse rettet, es ist die Le Monde Diplomatique. Sie ist absolut unabhängig von der anderen Le Monde Zeitung. Alle anderen Zeitungen sind gleich geschaltet.

Einseitiges Denken bedeutet, die Sichtweise von LICRA, also die Sicht der Vereinigten Staaten von Amerika einzunehmen. In Wirklichkeit sind die Vereinigten Staaten eine Kolonie von Israel. Nicht etwa das Gegenteil, was viele denken, d.h. Israel ist nicht die Kolonie der USA. Dazu reicht es sich die Minister unter Clinton zu betrachten: Verteidigung, Außenpolitik, Finanzen ... und wichtige Mitglieder der CIA: 11 von 17 Mitgliedern sind Freunde Israels.

Cemal Aydin: Sind es Freunde Israels oder eher religiöse Juden?

Roger Garaudy: Es sind Zionisten, ohne Wenn und Aber. Der Französische Oberrabbiner Herr Sitruk besuchte Izak Shamir (der Hitler eine Militär-Koalition vorschlug), als dieser an der Macht war und sagte: "Jeder Jude in Frankreich ist ein bereitwilliger Soldat." Als diese Aussage in die Öffentlichkeit gelangte, gab er Le Monde am nächsten Tag eine Erklärung ab und sagte, dass es keine doppelte Loyalität geben kann. Gut, dass er das gesagt hat! Es ist bitter, dass die zionistische Organisation LICRA ein Fünftel der jüdischen Gemeinden in Frankreich repräsentiert. Mit seinen Zeitungen, seiner Autorität etc. lenkt es die öffentliche Meinung in ganz Frankreich.

Cemal Aydin: Woher bekommen Sie das Geld?

Roger Garaudy: Aus Amerika. Ohne Amerikas Unterstützung kann Israel keine sechs Monate überleben. Deshalb habe ich immer gesagt: "Das Jerusalem Problem wird in Washington gelöst werden, nicht in Jerusalem". Ich denke, die Lösung ist, alle von Amerika stammenden Produkte systematisch zu boykottieren, von Coca Cola bis hin zu Flugzeugen und Waffen... Meiner Meinung nach ist ein Präsident, der Waffen aus Amerika erhält, leichtsinnig. Wenn er ein König ist, muss er aus dem Land vertrieben werden; wenn es ein gewählter Machthaber ist, muss er aus der Regierung entfernt werden. Das Volk kennt und versteht das Problem eigentlich sehr gut. Ich habe Ihnen gerade von einer Konferenz in Kairo erzählt. Acht Tage später, gingen 500 Tausend Menschen auf die Straße und forderten das Verbot des Durchgangs der amerikanischen Schiffe durch den Suezkanal.

Trotz ihres pompösen Auftretens, scheinbaren Wohlstands und aufgeblähten wirtschaftlichen Entwicklung, ist Amerika das höchst verschuldete Land der Welt. Man darf nicht vergessen, dass Amerikas Schulden größer sind als die Schulden aller Länder der Dritten Welt zusammen. Es ist das Land mit dem größten Handelsbilanz-Defizit. Somit kann Amerika, einen Boykott von einer Milliarde oder zwei Milliarden Menschen nicht überstehen. Es gibt über eine Milliarde Muslime, über dies hinaus gibt es Milliarden von Menschen die Opfer der Globalisierung sind. Wer den Boykott befürwortet und gleichzeitig eine Coca-Cola-Flasche in der Hand hält, fügt sich selber in dieser Kette ein weiteres Glied.

Vor einiger Zeit war ich in einem islamischen Land. Ich war im Sudan. Damals war Hasan Turabi Sudans Inspirationsquelle gewesen. Er bot mir kalte Getränke an, darunter auch Coca-Cola. Ich sagte Ihm: „Entschuldigen Sie Herr Turabi, es überrascht mich dies hier bei Ihnen zu finden“. Turabi sagte mir daraufhin: „Ich denke auch wie sie. Aber als ich versucht habe Coca-Cola zu verbieten, drohte mir die amerikanische Regierung: “Wenn Sie den Import von Coca-Cola verbieten, werden Sie keine Ersatzteile für Ihre Autos mehr von uns erhalten. Und das trotz der Tatsache, dass Coca Cola das Produkt eines privaten Unternehmens ist. Sehen Sie, wie ein privates Unternehmen von der US-Regierung unterstützt wird!

Cemal Aydin: D.h. die Länder sind wohl noch abhängig von Amerika?

Roger Garaudy: Eigentlich ist auch Amerika abhängig vom großen Kapital. 17 von 20 amerikanischen Milliardären ist ein Jude.

Cemal Aydin: Sind jene Amerikaner oder Juden?

Roger Garaudy: Ich kämpfe gegen den Zionismus. Ich habe keine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Judentum ist eine Religion, die ich respektiere, und der Zionismus ist eine Kolonialpolitik, mit der ich kämpfe. Ich habe gegen den französischen Kolonialismus in Algerien gekämpft, und jetzt kämpfe ich gegen den israelischen Kolonialismus in Palästina.

Cemal Aydin: Können sie erläutern, was Ihrer Meinung nach der Zionismus eigentlich ist?

Roger Garaudy: Der Zionismus ist keine religiöse Bewegung. Dessen Begründer Theodor Herzl (1860-1904) sagte dies deutlich. Es ist eine nationalistische und koloniale Ideologie. Es hat nichts mit Religion und erst recht nichts mit dem Judentum zu tun.

Hier ist ein typisches Beispiel:

Als Hitler 1933 an die Macht kam, waren 95 von 100 in Deutschland organisierten Juden Mitglieder einer religiösen Vereinigung. Aber nur 5 Prozent der Juden waren Zionisten. Was hat Hitler getan? Es verbündete sich mit den 5 Prozent, um die anderen zu töten. Beachten Sie, dass dieses Bündnis mit wirtschaftlichen Vereinbarungen vom Beginn des Krieges bis 1944 fortgesetzt wurde. Als die deutsche Wehrmacht vor dem völligen Zusammenbruch stand, bot Hitler noch immer an, 1 Million Juden für 10 Tausend Lastwagen zu geben, vorausgesetzt, sie würde nur an der russischen Front eingesetzt. Das bedeutet: Zum einen hat Hitler die Juden nicht generell zum Tode verurteilt. Zum anderen wollte er, anders als die Sowjetunion, einen getrennten Frieden mit den Briten und Amerikanern schließen. Dieser Deal wurde von Golda Meir und Ben Gourion angeboten.

Schließlich wurde die Person, die diese Vereinbarung unterzeichnet hatte, vor Gericht gestellt. Er sagte zum Richter: "Ich habe diese Vereinbarung nicht nach eigenem Willen getroffen, sondern mit der Zustimmung der zionistischen Führer". Alle Minister Israels waren daran beteiligt.

Dieser Mann wurde auf den Treppen des Justizpalastes erschossen.

Somit ist der Zionismus eine eigene, sich vom Judentum unterscheidende politische Bewegung.

Cemal Aydin: Aber sprechen Sie nicht in Ihrem Buch “ Die Gründungsmythen der israelischen Politik“ über die gefährlichen, sich auf die Religion stützenden Ideen der israelischen Politik?

Roger Garaudy: Richtig! Die Idee des auserwählten Volkes, ja, diese Idee rechtfertigte den Kolonialismus. Während des Ersten Weltkriegs behaupteten die Franzosen, sie seien die auserwählte Nationen und erfüllten "den Befehl Gottes", während die deutschen Soldaten auf der anderen Seite die Parole "Gott mit uns" auf ihren Gurten trugen. Dies geschah in Europa. In Argentinien argumentierte Eva Peron, dass Gott Argentinien die Aufgabe gab, die Welt zu beherrschen.

Dieses Verständnis ist in den Köpfen der Präsidenten der Vereinigten Staaten fest verankert. Ihnen zufolge gab Gott den Vereinigten Staaten die Pflicht, die Welt zu regieren. Der junge, der den ehemaligen Premierminister Izak Rabin tötete war kein Verrückter. Er war ein guter junger Mann und ein hervorragender Student. Als man versuchte Ihn als einen verrückten darstellen zu wollen, entgegnete er ihnen: "Ich habe eine religiöse Pflicht erfüllt, und dieses Land wurde von Gott dieser Nation versprochen, somit hat niemand das Recht, irgendetwas von diesem Ort abzugeben. Rabin hat dies gemacht und somit den Tod verdient.”

D.h. er war weder verrückt noch fehlgeleitet. Er erfüllte seine religiöse Pflicht, wie so oft in der Geschichte.

So wie z.B. Jules Ferry, der Gründer der säkularen Schule in Frankreich, der keinerlei religiösen Bezüge hatte, stieg auf das Podium der Nationalversammlung und erklärte: „Man muss laut und deutlich sagen, dass es höhere und minderwertige Rassen gibt. Und wir sind eine auserwählte Nation". Als die linken Abgeordneten vehement dagegen protestierten, antwortete er ihnen: "Wenn wir auf euch gehört hätten, könnten wir nicht nach Afrika gehen. Denn die Schwarzen hätten uns nicht von sich aus eingeladen. Aber wir haben ihnen die Zivilisation gebracht. "

Cemal Aydin: Haben Sie dieses merkwürdige Verständnis durch die wirtschaftspolitischen Forschungen überwunden?

Roger Garaudy: Ich bin gerade aus Chile zurückgekommen. Sie luden mich zu einer Konferenz über politische und religiöse Bildung ein. Folgende Worte von Don Helder Câmara nahm ich als Basis für meine Konferenz: „Wenn ich einem armen etwas zu essen gebe, sagen sie ich sei ein Heiliger. Wenn ich erkläre wieso er arm ist sagen sie, ich sei ein Kommunist..“ Ich habe 20 Jahre mit Don Helder Camara zusammen gearbeitet.

In der Universität hielt ich eine andere Konferenz über die Globalisierung. Jedes Jahr sterben 30 Millionen Menschen ... Jeder politische Gedanke, der dieses Faktum außer Acht lässt ist null und nichtig. Solange es Menschen gibt, die ihre Schulden nicht bezahlen können, wird es immer hungrige Menschen und arbeitslose Menschen auf der Welt geben. Wenn zwei Drittel der Welt ihre Schulden nicht bezahlen können, wie wollen sie etwas herstellen? Wirtschaftswachstum verringert die Armut nicht, sondern im Gegenteil, erhöht sie.

Die Produktion sollte einem bestimmten Zweck dienen... wir haben die Möglichkeit alle Menschen zu sättigen: die Tiefkühllager der Vereinigten Staaten sind bis zum Rand mit Butter und Weizen gefüllt und auch Australien kann jeden Menschen auf der Erde mit Brot versorgen. Der springende Punkt ist, den Sinn der Wirtschaft zu kennen.

Cemal Aydin: Sie haben vor ein paar Jahren gesagt, dass Sie Ihr Buch "Alleine durch ein Jahrhundert " aktualisieren werden?

Roger Garaudy: Dieses Buch wurde in 15 Sprachen übersetzt. Die Aktualisierung habe ich für den spanischen Druck getan. Ich habe es 1989 geschrieben. Inzwischen brach die Sowjetunion zusammen, der Irak-Krieg kam dazu, wodurch das Buch unvollständig wurde. Das im Spanischen hinzugefügte sollten Sie aus dem Spanischen auch ins Türkische übersetzen.

Ich habe ein neues 500-seitiges Buch vor 15 Tagen fertiggestellt. Der Titel lautet: "Wer wird dein Herr im 21. Jahrhundert sein, Globalisierung oder Auferweckung?" Globalisierung bedeutet die Verbreitung von Armut. Es bedeutet, ein Hiroshima alle zwei Tage. Man kann es nicht oft genug wiederholen.

Es ist schwer, ein 500-seitiges Buch zu verkaufen, aber ich werde es schaffen. Weil dieses Buch mein politisches Vermächtnis ist, meine Biographie des 20. Jahrhunderts.

Aber wir haben bereits das 21. Jahrhundert betreten.

Dieses Buch ist ein Sammelwerk. Er enthält meine Geschichten, Gedichte und Wirtschaftspolitik. Die Leser werden überrascht sein.

Cemal Aydin: Bekommen Sie häufig Einladungen aus muslimischen Ländern und gehen Sie hin?

Roger Garaudy: Ja, sogar in den Iran und den Irak. Ich besuchte Saddam Hussein in Bagdad während der kühnsten Zeit des Golfkrieges.

Cemal Aydin: Saddam hatte nicht auf Sie gehört, oder?

Roger Garaudy: Er hat zu lange gewartet. Ich hatte ihm ein Angebot gemacht: „Ich sagte ihm, dass Katastrophenszenario von Pentagon ist zu sehen. Sie müssen Ihre Truppen sofort zurückziehen. Sie werden sie zurückziehen, aber Sie werden darauf bestehen, dass sie durch Truppen aus neutralen arabischen Staaten ersetzt werden und sie müssen dies auch umsetzen ...“ Damals befanden sich Algerien und Tunesien in dieser Situation. "Diese neutralen Truppen sollten dort sein, um ein Referendum in Kuwait vorzubereiten, an dem alle arbeitenden Einwohner Anspruch haben werden teilzunehmen."

Ohnehin waren die meisten Menschen, die in Kuwait arbeiteten, Palästinenser. "In dem Referendum, werden die Kuwaiter entscheiden, ob sie die Unabhängigkeit wollen oder ob sie sich an den Irak binden wollen."

Saddam Hussein gefiel diese Idee sehr. Wir haben zwei Stunden miteinander geredet. Neben ihm waren drei Generäle und drei Minister. Als sie gingen entschuldige ich mich bei Ihm, dass ich seine Zeit in Anspruch genommen habe. Er erwiderte: "Nein, nein, sie haben nicht meine Zeit genommen. Als ich im Gefängnis war, waren es hauptsächlich Ihre Bücher, die mir Hoffnung gaben."

Cemal Aydin: Interessant!

Roger Garaudy: Meine Arbeiten wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Es wurde von zwei verschiedenen Verlagen in den USA, auch in England übersetzt. Meine Bücher sind nur in Deutschland und der Schweiz verboten[3]. Einige Buchhandlungen wurden sogar dafür verurteilt, mein Buch in der Schweiz zu verkaufen.

Cemal Aydin: Überraschend! War es etwa LICRA, der dies in der Schweiz veranlasste?

Roger Garaudy: Natürlich. Die LICRA in der Schweiz ist stärker als die in Frankreich.

Cemal Aydin: Dann ist die Freiheit der Meinung, das Versprechen der Demokratie nur reines Gerede?

Roger Garaudy: In meinem letzten Buch, wenn Sie es lesen sollten werden Sie es sehen, dort entlarve ich die Lächerlichkeit hinsichtlich der angeblichen Menschenrechte. Sie haben Rechte, natürlich haben Sie diese. Aber was nützen sie, wenn wir diese Rechte nicht umsetzen könnten? Sie sind arbeitslos, aber Sie haben Anspruch auf einen Rolls-Royce. Die Rechte sind gleich. Es ist verboten, Brot zu stehlen, für einen Milliardären wie jedem anderen auch. Das ist was man unter Menschenrechte versteht! Natürlich haben Menschen das Recht zu leben. Haben sie es? Ja haben sie! Bloß wie will man das den 30 Millionen Menschen erklären, die jedes Jahr sterben? Das Recht auf Leben haben sie nur auf dem Papier.

[1] Das Buch Die Gründungsmythen der israelischen Politik ist in der arabischen Welt nach wie vor ein Bestseller und wurde seit seinem Erscheinen mehr als eine Million Mal verkauft. Siehe hierzu den Artikel von Peter Schütt vom 18.05.2001 in: https://www.welt.de/print-welt/article451743/Abkehr-von-den-falschen-Freunden.html (zuletzt abgerufen am 19.07.2018).


[2] Allein in Frankreich wurde es bis in die Gegenwart über 300 tausend Mal verkauft. Weltweit wurde es über 3 Million Mal verkauft.


[3] Mit dem Verbot meint hier Garaudy sein Israelkritisches Buch Die Gründungsmythen der israelischen Politik, was 1995 veröffentlicht wurde.


© 2018 Roger Garaudy (17. Juli 1913 - 13. Juni 2012)